Ein großer Moment, ein großer Erfolg für Sieger Moreno Moser
Der Mann des Tages hieß Tony Martin Platz vier für den Zeitfahrweltmeister aus Eschborn Die Rennmaschinen wippten hin und her. Bunte Trikots flogen durcheinander. Halsbrecherisch stürzten sich die Sprinter auf ihren nur fingerdicken Reifen dem Zielstrich entgegen. André Greipel raste als Erster über den weißen Strich - ein schwacher Trost für einen der großen Verlierer bei der 51. Auflage des deutschen Frühjahrsklassikers Rund um den Finanzplatz Eschborn - Frankfurt. Denn der beste deutsche Sprinter zählte am Tag der Arbeit zu den Geschlagenen, gewann er doch nur den Sprint der Verfolger und wurde im Endklassement auf Platz fünf gelistet, knapp dahinter Titelverteidiger John Degenkolb als Siebter. Es war den Sprinterteams nicht gelungen, eine vierköpfige Ausreißergruppe auf der Zielgerade doch noch zu stellen. 23 Sekunden fehlte ihnen auf Moreno Moser, der vor seinem Liquigas-Kollegen Dominik Nerz und dem Russen Sergei Firsanow (Rusvelo) siegte.
Der gefeierte Mann des Nachmittags aber hieß Tony Martin. Nicht einmal drei Wochen nach seinem schweren Trainingsunfall meldete er sich mit einer beeindruckenden Leistung in der Weltspitze zurück und fuhr am 1. Mai auf Platz vier. „Es hat unheimlich viel Spaß gemacht, aber Sprint ist nicht mein Ding“, sagte der Lokalmator aus dem belgischen Team Omega Pharma - Quick Step nach der 200 Kilometer langen Hatz durch den Taunus.
Für Moreno Moser war der Sieg in Frankfurt unzweifelhaft der bedeutendste in seiner noch jungen Karriere. „Er ist ein großer Moment, ein großer Erfolg“, sagte der 21 Jahre alte Neoprofi aus dem norditalienischen Trient, der im Februar die Trofeo Laigueglia gewann. Am Morgen vor dem Start habe er sich noch schlecht gefühlt. „Ich hätte nicht zu glauben gewagt, dass das heute so ausgehen würde“, gestand der Neffe der italienischen Radsportlegende Francesco Moser. Für seinen deutschen Kollegen Dominik Nerz könnte Mosers Sieg der Startschuss in eine große Karriere sein. „Moreno ist ein supernetter Kerl, der sehr hart und konzentriert an seiner Karriere arbeitet. Wenn er so weiter arbeitet, wird er ein ganz Großer.“
Einer wie Tony Martin. Der 27 Jahre alte Zeitfahrweltmeister aus Eschborn fuhr ein taktisch cleveres Rennen, zeigte sich stets in vorderster Linie. „Ideal wäre es, ich könnte mit einer Ausreißergruppe gehen“, sagte er vor dem Rennen. Die Gründe lagen auf der Hand: „Ich könnte mich meinen Fans zeigen, und es wäre der sicherste Weg, Stürze zu vermeiden.“ Bei der ersten von drei Überfahrten über den Mammolshainer Berg attackierte er erstmals das Hauptfeld. Ein Fingerzeig für die Konkurrenz. Ein erstes Ausrufezeichen. „Ich wollte unbedingt eine Sprintankunft vermeiden“, sagte Tony Martin später. Es sollte ihm gelingen.
Nach 150 Kilometern pedalierte der mittlerweile in der Schweiz lebende Spezialist im Rennen gegen die Uhr der Konkurrenz davon. Gleichermaßen kraftvoll wie elegant grimassierte er als Erster den Mammolshainer Berg hinauf, angefeuert von Zehntausenden Fans - darunter seine Mutter Bettina, die ihrem Sohn kräftig die Daumen drückte: „Das hätte ich ihm nicht zugetraut - jetzt hoffe ich, dass er das auch nach Hause fährt.“
Er schaffte es nicht - noch nicht. „Mir hat am Ende dann doch das eine oder andere Korn gefehlt“, gestand Tony Martin. 28 Kilometer vor dem Ziel war seine Alleinfahrt beendet. Moreno, Nerz und Firsanow gesellten sich zu ihm und hielten die heraneilende Sprintermeute in Schach. Müde, aber glücklich rollte Tony Martin ins Ziel. „Am Ende war ich am Limit.“
Der Lohn des Tages war Martin aber längst schon sicher: Gefülltes Hähnchen mit grünen Bohnen. „Sein Leibgericht“, berichtete seine Mutter am Straßenrand. Und Nachtisch gab’s auch noch: eine große Melone statt kleinem Siegerpokal.